Muztaghata

Sechs Bergretter der Ortsstelle Mautern machten sich auf den Weg ins chinesische Pamir-Gebirge. Ihr Ziel, das Dach des 7546 Meter hohen Muztaghata.

Wer das Pamir-Gebirge im äußersten Westen Chinas besucht, hat eine lange Reise vor sich. Denn als ob der direkte Weg dorthin nicht weit genug wäre, muss man zudem einen Umweg über Peking machen. Von Wien über Moskau ging es im Juli 2011 in Chinas Hauptstadt. Einen Tag später flog die Gruppe weiter nach Urumqi, der Hauptstadt des uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang. Das umfangreiche Material für die Muztaghata-Expedition hatten die Steirer bereits von Österreich mit dem Schiff vorausgeschickt und wollten es nun in Urumqi wieder entgegennehmen. Nach einigem Ärger mit den Behörden, konnten sie ihre Sachen schließlich unversehrt in Empfang nehmen und nach Kaschgar weiterreisen. Die Oasen-Stadt am Rande des Tarim-Beckens ist ein wichtiger Knotenpunkt der Seidenstraße. Zwei Tage nehmen sich die Bergsteiger hier Zeit zur Akklimatisierung, um letzte Vorbereitungen zu treffen und Lebensmittel zu besorgen.



Über den Karakorum-Highway

Die nächste Etappe versprach aufregend zu werden. Mit dem Auto fuhren die Abenteurer auf der höchstgelegenen Fernstraße der Welt, dem Karakorum-Highway, 200 Kilometer Richtung Süden. Ihr Ziel lautete Subash nahe der Grenze zu Pakistan. Die Fahrt auf dem Karakorum-Highway ist eine abenteuerliche Erfahrung. Die Straße ist ewig lang und sehr gefährlich, da sie oft nahe am Wasser entlang führt und durch zahlreiche Schluchten verläuft. Dass es auf dieser Strecke oft zu schlimmen Unfällen kommt, kann man erahnen, wenn man die vielen Lkw sieht, die in die Schluchten gestürzt sind. Diese sind teilweise so tief, dass die Fahrzeuge nicht mehr geborgen werden können.



Per Kamel zum Basislager

Die Bergretter-Gruppe kam aber wohlbehalten am Ziel an. Die Aufgabe hier lautete nun: umladen! Die Pkw wurden gegen ein geländegängiges Transportmittel getauscht: Kamele schleppten das Expeditionsmaterial bis zum Basislager auf 4300 Meter. "Die Kamele mussten wir nicht selbst führen, sondern konnten dafür professionelle Führer engagieren", so Andi Gumpold. Schließlich stand die Gruppe an ihrem Startpunkt. "Das Basislager ist sehr beeindruckend. Hier bauten wir mitten in einer großen Zeltstadt, in der viele Nationen vertreten waren, unsere Bleibe für die folgenden zwei bis drei Wochen auf und richteten unsere Küche ein. Für die nächste Zeit wurde gutes Wetter vorausgesagt und so konnten wir schon in den folgenden Tagen ins Lager 1 aufsteigen."



In Etappen zum Ziel

5000 Meter über dem Meeresspiegel thronte das Lager 1. In der Nacht machte der Gruppe eisige Kälte von minus 20 bis 25 Grad zu schaffen. Das Team errichtete das Zelt und stieg dann zur Erholung und Akklimatisation noch einmal ins Basislager ab. Gut vorbereitet und erholt konnte die Gruppe einen Tag später die erste Nacht im Lager 1 verbringen. Ein Teil des Teams stieg bereits am nächsten Tag weiter auf und ließ das Lager 2 "links liegen", um direkt zum Lager 3 aufzusteigen. "Von der Höhe und den Strapazen gezeichnet, mussten wir nach einem ca. zwölf Stunden langen Aufstieg gegen 22 Uhr und in extremster Kälte erst einmal unser Zelt aufstellen. Zu diesem Zeitpunkt befanden wir uns schon in 6800 Metern Höhe. Nach eher schlaflosen Stunden, brachen wir gegen vier Uhr früh auf, um den Gipfel in Angriff zu nehmen. Der Aufstieg ist ewig, ewig lang, die extreme Kälte machte allen sehr zu schaffen und so hatten auch wir mit Erfrierungen an Fingern und Zehen zu kämpfen."



Gipfelsieg am Vormittag

Um zehn Uhr vormittags war der langersehnte Moment endlich gekommen: Das Team stand am Gipfel des Muztaghata auf 7546 Metern Höhe. Doch das Glück konnte die Gruppe zunächst nicht lange genießen: Nach einer kurzen Gipfelrast nahmen sie nun, mit Beinen wie mit Blei gefüllt, die lange Schifahrt und den Abstieg mit einem Höhenunterschied von 3200 Metern zurück ins Basislager in Angriff. "Die ganz große Freude kam bei uns noch nicht auf. Man spürt einfach nichts mehr, außer dass man müde ist. Als wir wieder im Basislager waren, hatten wir eigentlich nur den Wunsch nach einer heißen Suppe und Ruhe!" Für die zweite Gruppe wurde das Warten auf den Aufstieg zu einer Geduldsprobe. "Da eine Schlechtwetterfront aufzog, waren die Kameraden gezwungen, noch einige Tage im Basecamp zu verbringen, bevor sie aufsteigen konnten. Schließlich gelang aber auch ihnen der Gipfelsieg." Zurück im Basislager stand einer kleinen gemeinsamen Siegesfeier nichts mehr im Wege. Und auch der Heimreise blickte niemand wehmütig entgegen. "Im Bewusstsein eines tollen Erfolges und der Freude, unsere Familie wiederzusehen, fiel uns die lange Heimreise nicht allzu schwer!"

Bericht: Christina Vogt, Mitgliedermagazin der Steirischen Bergrettung, September 2012